Thomas Borchert Graf von Monte Christo

 

Sophie Berner Der Graf von Monte Christo

 

Karim Khawatmi Der Graf von Monte Christo

 

Carsten Lepper Der Graf von Monte Christo

 

Daniel Berini Der Graf von Monte Christo

 

Barbara Obermeier Der Graf von Monte Christo

 

Ava Brennan Der Graf von Monte Christo

 

Thomas Borchert Der Graf von Monte Christo

 

Frank Wildhorn Der Graf von Monte Christo

 

Carsten Lepper Der Graf von Monte Christo

 

Sophie Berner Der Graf von Monte Christo

 

Cast Der Graf von Monte Christo

 

Barbara Obermeier Der Graf von Monte Christo

 

Thomas Borchert Der Graf von Monte Christo

Der Graf von Monte Christo:

„Gerechtigkeit denen, die sie sich nehmen. Liebe jenen, die sie geben“


Weltpremiere des neuen „Wildhorn“-Musicals am 14.3.2009.  Euphorisch gefeierte Premiere am Theater St. Gallen (Schweiz).
Sie springen einem nur so ins Auge. Die großen Namen aus der Musicalbranche, hier findet man sie: Thomas Borchert, Carsten Lepper, Karim Khawatmi, André Bauer, Dean Welterlen, Christoph Goetten, Barbara Obermeier, Ava Brennan, Daniel Berini, Patrick Stamme und viele Andere. Nach Megaerfolgen wie „Jekyll & Hyde“ und „The Scarlett Pimpernell“ schenkt Frank Wildhorn nun mit „Der Graf von Monte Christo“ der Musicalgeschichte ein weiteres Meisterwerk. Die Texte stammen von Jack Murphy. Eines lässt sich jetzt schon sagen, mit diesem Musical ist Wildhorn ein neues und großes Musiktheater gelungen.


Das Theater St. Gallen hat mit seinem Auftragswerk geladen und so ließen sich zahlreiche Ehrengäste sowie die Presse nicht zweimal bitten, diesem einmaligen Ereignis beizuwohnen und eine umjubelte Premiere zu feiern.


Es ist noch nicht lange her, dass im vergangenen Jahr in München am Staatstheater Gärtnerplatz eine Adaption des Romans von Alexandre Dumas „ChristO – die Rockoper“ (aus der Feder der Prog Metal Band „Vanden Plas“) seine Welturaufführung feierte. Hier in St. Gallen entstand aus dem Buch ein Bühnenstück, das im Gegensatz zu der Münchner Rockoper (Inszenierung Holger Hauer) musikalisch klassisch mit Rockelementen angesetzt ist. Vergleichen lassen sich beide Produktionen nicht, dennoch erinnern so manche Szenen stark an München. Seien es die zahlreichen Projektionen wie eingangs das Wellenschlagen des Meeres, der Einsatz von „leichten Mädchen“ in Verbindung des Staatsanwaltes Villfort oder die Kostüme der Piraten/-innen im Punk-Rock-Metalstyle. Man muss es der Münchner Produktion zugestehen, dass das Kreativteam mit einem wesentlich geringeren Budget auskommen musste. Aber dennoch erzielte gerade der Punk- und Metalstyle in Verbindung mit deren Metal-Musik einen stimmigeren Effekt als in der Schweiz. In St. Gallen war man darauf bedacht die Inszenierung (von Andreas Gergen) in der Zeit um 1800 und roman- und zeitgetreu spielen zu lassen. Diese Form von Modernität in den Punkkostümen der Piraten mag daher nicht so ganz zu dem sonstigen Gesamtbild passen. Dies schreibe man in diesem der künstlerischen Freiheit von Kostümbildnerin Susanne Hubrich zu.


Die Eingangsszene mit der Projektion der Meereswellen wird in seiner Spannung unterstrichen, als der Chor stimmgewaltig in ein „Kyrie Eleyson“ ansetzt. Und wie auch im Roman wird Edmond Dantes (Thomas Borchert), Kapitän der Pharao noch während seiner Verlobungsfeier mit Mercedes (Sophie Berner) aufgrund einer Intrige unschuldig verhaftet und in die berüchtigte Gefängnisinsel „Chateau d’If“ gebracht. Dort fristet er 14 lange Jahre, während seine Widersacher, Fernand Mondego (Carsten Lepper), Rechtsvertreter Gérard von Villefort (Christoph Goetten) sowie Baron Danglars (Karim Khawatmi) ihre Pläne fortsetzen.

Thomas Borchert liefert über die gesamte Show weg eine  überzeugende und professionelle Darstellung des Geschändeten und Rächers. Er überzeugt mit jeder Sekunde, die er auf der Bühne präsent ist und unterstreicht selbst in Szenen, in denen er lediglich im Hintergrund stumm agiert schauspielerisch. Stimmlich wird er seiner Rolle mehr als gerecht. Frank Wildhorn hat diese Rolle speziell auf seinen Leib komponiert. Nicht verwunderlich, dass er bei dieser Performance langanhaltenden Applaus nach jedem seiner Songs erhielt.

An seiner Seite als Merdeces agiert Sophie Berner. Sie ist den meisten Musicalbesuchern vielleicht noch kein so großer Begriff. Ihren Namen sollte man sich in jedem Fall merken. Sie verfügt über eine bemerkenswerte Stimmfarbe und über ein immenses Stimmvolumen, das vom ersten Ton an mitreißt und packt. Das Duett mit Borchert „Niemals allein“ hat sich rasch als DER Liebessong des Stückes herauskristallisiert. Auch schauspielerisch kommt sie sehr glaubhaft rüber, wenn sie das Wechselbad zwischen Freude oder Trauer erlebt. Sophie Berner gibt eine harmonierende und gleichwertige Partnerin an der Seite von Borchert ab. Eine strahlende Schönheit ist sie selbst dann, als sie unglücklich mit Mondego verheiratet ist. Ihre Ausstrahlkraft ist beeindruckend.

Mondego wird von Carsten Lepper verkörpert. Lepper ist wie Borchert seit Jahren ein gefragter und umjubelter Musicalstar nicht nur in Deutschland oder Österreich. Er verdient großes Lob, wie er mit der Rolle Mondego es trotz aller Boshaftigkeit immer wieder schafft Humor zu  erzeugen. Er ist der Darsteller der sich vollen Köpereinsatzes in seine Rolle einlebt und sie ausfüllt. Hier beeindruckt vor allem die Duellszene „Hölle auf Erden“,  bei der Mondego letztlich kapitulieren muss. Schauspielerisch überzeugt der sympatische Darsteller Lepper ebenso wie stimmlich. Eine durchgängig tolle Leistung!

Mit Mercedes hat er einen gemeinsamen Sohn, Albert, gespielt von Daniel Berini. Der noch sehr junge Schauspieler hat sich gerade in den letzten Zeit einen Namen gemacht und wirkt wie ein junger, schöner Prinz aus dem Märchen, der mit der Tochter Villforts, Valentine (Barbara Obermeier), verlobt ist. Berini gelingt es aus Albert einen starken und selbstbewussten Charakter zu formen. Sein Spiel und Gesang wirkt frisch und unverbraucht. Eine passende Besetzung für diese junge Charakterrolle.

Barbara Obermeier als Valentine an seiner Seite unterstreicht ein stimmig und optisch hübsches Liebespaar. Ihre Stimme und das Zusammenspiel mit Berini überzeugt. Leider ist ihre Rolle nicht so stark ausgebaut wie die des Albert, dennoch nutzt sie die kurzen Szenen ihrer Auftritte und kann mit ihrem Solo „Schöner Schein“ punkten und viel Applaus einheimsen.

Mit Karim Khawatmi als Danglars und Christoph Goetten als Villefort schließt sich mit Carsten Lepper der Kreis des intriganten Trios. Khawatmi, längst renommierter Musicaldarsteller, ist für seine Charakterrollen bekannt. Er verfügt über eine Stimmkraft die in den letzten Winkel eines Theaters dringt. Seine packende Spielkraft, seine Ausstrahlung und sein Charisma, selbst als Schurke auf der Bühne, überzeugt. Sein markantes Schauspiel hinterlässt starken Eindruck. Goetten als Rechtssprecher Villefort unterstützt seine Freunde eifrig und jederzeit mit Rat und Tat. Das Fiese unterstreicht er mit seiner Stimme gekonnt-es läuft einem so mancher Schauer über den Rücken, sobald er konfrontationslustig in Höchstform aufläuft. Mit der Besetzung dieses Trios hat man eine Optimallösung gefunden, was sich in „Eine Falle/Zuviel ist nie genug“ zeigt, wenn deren Zusammenspiel einfach nur passt.

Das Opfer des Trios ist Edmond. Mit Hilfe des Mitgefangenen Abbé Faria (Dean Welterlen) gelingt es ihm einen Tunnel in die Freiheit zu graben. Doch nicht nur diese Freiheit schenkt ihm Faria, er ist es, der Edmond dazu bringt, seine Rachegedanken aufzugeben und Vergebung anzustreben. Er verrät ihm, dass auf der Insel „Monte Christo“ ein Schatz begraben liegt, mit dem er ein neues Leben in Reichtum beginnen kann. Zunächst scheint die Rolle des Abbé Faria klein, doch bei näherem Hinsehen erhält sie im Laufe der Geschichte an Bedeutung. Die unscheinbare, verzottelte Figur Faria schafft es, das verhärtete Herz Edmonds zu erweichen und zur Vernunft zu bringen.

Dean Welterlen schafft mit seinem Schauspiel einen überzeugenden Faria zu verkörpern. Er vermittelt den Zuschauern, sie würden tiefen Einblick ins Seelenleben Edmonds bekommen, dessen Wünsche und Sehnsüchte lesen können, aber auch Abgründe und Absichten erkennen. Welterlen schafft es zudem ein gesundes Quäntchen Humor in die Figur einspielen zu lassen, der die ernste Thematik des Stückes immer wieder auflockert. Eine bemerkenswerte schauspielerische Leistung. Für „Unterricht“ sowie „Könige“ erhält er deshalb großen Applaus. Als Abbé Faria geschwächt stirbt und seine Leiche ins Meer entsorgt werden soll, erkennt Edmond seine Chance. Heimlich legt er sich mit auf die Leichenkarre, wodurch ihm die Flucht aus der Burg gelingt.


Von einem Piratenschiff wird er im Wasser aufgelesen. Herrscherin der Schiffsgestalten ist Luisa Vampa (Ava Brennan). In ihrem rot-schwarzen Lack- Leder Outfit erwirkt sie – unterstrichen durch ihr bestimmtes Auftreten – den Eindruck einer Domina. Jacopo (Kurt Schrepfer) Luisas Diener muss sich Edmond in einem Duell stellen, aus dem er in letzter Sekunde von Edmond begnadigt wird. Wenn Luisa ihre Hüften schwingt und dazu ihre Stimme mit starkem Rocktimbre ansetzt ist das Publikum vor Begeisterung nicht mehr zu halten. Ava Brennan wird der Rolle mehr als gerecht, stimmlich sowie schauspielerisch, wirklich ein Blickfang. Überhaupt stechen hier die Choreographien (Melissa King) und Tanzformationen (Simon Eichenberger) positiv und einfallsreich heraus. Typische Seeräuber-Melodien in „Piraten – Wahrheit oder Wagnis“ erinnern zudem an Kindertage, als man Pippi Langstrumpf dazu auf den Tischen herumspringen sah. Generell hört man im Laufe der Inszenierung immer wieder auf, wenn man vermeintlich altbekannte Melodien zu erkennen meint. Dies liegt daran, dass tatsächlich viele Songs mit den ersten Takten wie bekannte Ohrwürmer aus Musical und Pop beginnen. Die musikalische Mischung ist ein bisschen „Les Miserables“, „Die Schöne und das Biest“, „Aida“ oder auch „ 3 Musketiere“ etc.

An Luisa Vampa`s Seite steht der glatzköpfige Jacopo, gespielt von Kurt Schrepfer. Der Musicaldarsteller und Choreograph ist ein Altbekannter des Theaters St. Gallen. Wie er den zunächst duckmäuserischen Gehilfen von Luisa spielt und sich später zum Berater und Freund Edmonds entwickelt, kann er durch sein Schauspiel überzeugend rüberbringen. Auch stimmlich zeigt Schrepfer, dass er richtig was drauf hat. Seine Glatze fällt zwischen den Punks auf, die oft eine schrille oder bunt gefärbte Haarpracht aufweisen. Mit der Hilfe der Piraten gelangt Edmond Faria, wie er sich jetzt nennt, auf die Insel Monte Christo zu gelangen. Als er an seinen Heimatort und zu Mercedes zurückkehrt nennt er sich „Der Graf von Monte Christo“. Zunächst erkennt ihn nur Mercedes selbst, die anderen sind geblendet von seinem Habitus, seinem Reichtum und Ansehen. Doch die Zeit hat ihre Spuren hinterlassen und Edmond erkennt, welche Auswirkungen diese eine Intrige in all den Jahren bewirkt hat. Erneut brechen Rachegedanken aus, von denen er sich beinahe in Ohnmacht getrieben hinreißen lässt.


Seine ehemaligen „Freunde“ erkennen den Fremden schnell wieder- ein Kampf gegen ihn ist ausgebrochen. Nachdem Mondego in einem Duell ums Leben gekommen ist kann man davon ausgehen, dass auch die anderen beiden Widersacher ihre gerechte Strafe erhalten haben. Der Weg ist frei für das einst so glückliche Brautpaar…


Die Umsetzung eines nicht leichten Romanstoffes ist gelungen. Im Fokus steht keinesfalls die Liebestragödie von Edmond und Mercedes. Hier ist es die Hauptfigur Edmond Dantes, die nebst wechselnden starken Charakteren an seiner Seite, eine Entwicklung durchlebt und ein emotionales Auf und Ab ertragen muss. In etwa 2 Stunden gelingt es dem Musical Stück um Stück Spannung aufzubauen zu halten und am Ende zu aufzulösen. Die Musik ist schmissig und emotionsgeladen. Hier wechseln sich wunderschöne Balladen, tolle Duette/Terzette mit rockigen Klängen bei schnellem Tempo rasant ab. Hier finden sich einige Ohrwürmer wieder.


Die Fechtszenen, die gerade auf dem Piratenschiff ausgetragen werden, wurden von Jochen Schmidtke einstudiert. Sie erinnern in den meisten Phasen an die Choreographie des Musicals „3 Musketiere“. Die Abläufe und die „einer gegen mehrere“- Kampftechnik, die darin ihren Höhepunkt findet, indem der Angegriffene mit zwei Degen/Säbeln kämpft, scheint wie eine 1:1 Choreo der Musketiere. Schmidtke war schon in diesem Musical in Berlin sowie Stuttgart als Fight Director tätig. Dennoch sind Szenen wie diese immer wieder ein wahrer Hingucker. Dass gerade Fechterei den Darstellern alles abverlangt hört man direkt im Anschluss, wenn die Protagonisten heftigst mit ihrer Luft kämpfen um ihre Dialoge weitersprechen. Es sieht so einfach aus und ist dennoch so verdammt schwer. Genau so muss es sein. Man mag in Erinnerungen schwelgen, gerade dann, wenn man Karim Khawatmi fechten sieht. Er war zuletzt in Stuttgart bei den „3 Musketieren“ der Held Athos, umjubelter und charmanter Held der Königsverteidiger.


Die Bühnengestaltung von Allen Moyer kann sich sehen lassen. Hier hat man versucht richtig großes Theater zu produzieren und es ist gelungen. Die Szenen spielen sich abwechselnd in Villen, auf einem Piratenschiff, in den Kerkern der Gefängnisinsel oder auch unter dem Wasser ab. Hier sticht vor  allem eine Szene heraus. Die, wenn Edmond aus dem Kerker- mit Hilfe eines raffinierten Tricks- unter Wasser flieht. Die Bühne ist abgedunkelt, am oberen Ende ist es etwas heller. Ein herabgelassener Vorhang erzeugt Unschärfe. In einen Sack gebunden, der an einem unsichtbaren Seil hängt, befreit sich die Gestalt Edmonds. Mit Schwimmbewegungen Richtung Licht bewegt er sich langsam nach „oben“. Eine wirklich beeindruckende und ungewöhnlich - fantastisch gelöste Idee.


Alles in Allem kann sich „Der Graf von Monte Christo“ in der großen Welt des Musicals durchaus sehen lassen. Das jüngste Werk von Wildhorn beweist, dass in diesem Komponisten viel Können und Gespür fürs Musical schlummert. Er scheint ein Händchen dafür zu haben, zu wissen, was die Musicalbesucher sehen und hören wollen. Seine Geschichten sind anspruchsvoll, seine Musik geht sofort ins Gehör, ein Meister seiner Kunst. Ein Besuch im Theater St. Gallen ist daher wärmstens zu empfehlen. Es erwartet den Zuschauer spannendes, aufregendes und anspruchsvolles Musiktheater auf hohem Niveau.

(zur Fotogalerie)

 

Marina Christiana Bunk, 15.3.09