Das Lied des Volkes erklingt nun auch im Ländle!
Seit dem 31.12.08 haben "Die Elenden" im Schwabenländle Einzug gehalten. Am 11.04.08 hatte nun auch ich die Gelegenheit, Les Miserables im Theater Pforzheim erleben zu dürfen.
Es wird die Geschichte des Ex-Häftlings Jean Valjean erzählt, der auf Bewährung geflohen, zum Bürgermeister aufsteigt. Er pflegte die todkranke Arbeiterin Fantine, der er verspricht sich ihrer Tochter Cosette anzunehmen. Er löst nach Fantines Tod Cosette bei den Wirtsleuten Thenardier aus, die sich mehr schlecht als recht um das Kind gekümmert hatten. Cosette wächst als Tochter von Valjean auf und eigentlich könnte er glücklich sein, würde ihn nicht immer seine Vergangenheit heimsuchen. Dies geschieht in Gestalt von Inspektor Javert, der immer noch den entflohenen Sträfling sucht. Unglücklicherweise kreuzen sich die Wege der beiden Widersacher viel zu oft.
Ansgar Schäfer, der den Valjean verkörpert, ist Mittelpunkt der Inszenierung. Ist einem der Ex-Häftling, der einen Priester bestiehlt noch unsympathisch, meistert er die Wandlung zum väterlichen und liebenden Valjean ohne Probleme. Spätestens bei "Wer bin ich" zeigt er, dass er das Publikum mit seiner facettenreichen Stimme in den Bann ziehen kann. Vor allem in den tiefen Tönen zeigt sich, dass er eine kraftvolle und warme Stimme hat. Auch bei dem wahrscheinlich anspruchsvollsten Lied von Les Miserables, "Bring ihn heim", treibt einem die Darstellung von Ansgar Schäfer die Tränen der Rührung in die Augen.
Aber auch sein Widersacher Javert (Jon Geoffrey Goldsworthy) steht ihm in nichts nach. Man merkt ihm von der ersten Minute den Hass, die Leidenschaft und das kleine bisschen Wahnsinn an, den es braucht, um sein Leben auf einen Menschen zu fixieren und diesen nachzujagen. Als er begreift, dass er seinen Schwur, Valjean seiner gerechten Strafe zuzuführen, nicht halten kann, stürzt er sich in den Seine-Fluss. Mit seiner Verzweiflung fesselt er das Publikum, so dass man Mitleid mit dem eigentlichen Bösewicht hat. Jon Geoffrey Goldsworthy hat es geschafft mit seiner Stimme die Gefühle punktgenau zu treffen. Auch ohne ihn zu sehen, oder zu verstehen, was er singt, hätten die Zuschauer erkannt, was er mitteilen will.
Sara Fonesca, die als kranke und bemitleidenswerte Fantine auf der Bühne steht, nutzt die kurze Zeit, bis zu Fantines Tod zu hundert Prozent aus. Vor allem Ihr Solo "Ich hab geträumt" hat Gänsehaut-Potenzial und man bedauert, dass sie ihre gesanglichen Qualitäten nicht noch länger unter Beweis stellen kann.
Heike Schmitz (an diesem Abend als Gastdarstellerin im Theater Pforzheim) und Klaus Geber als Wirtsleute Thenardier hatten natürlich die Lacher des Abends auf Ihrer Seite und schmarotzten sich im wahrsten Sinne des Wortes durch das Stück.
Nikolaj Alexander Brucker als Marius stach in der Inszenierung besonders hervor. Als er seine Wut über Eponines Tod über die Barrikaden schreit und dort weinend zusammenbricht, lässt es einem einen Schauer über den Rücken laufen. Beeindruckt hat auch sein Solo "Dunkles Schweigen an den Tischen", das mit sehr eindrücklicher und sich einprägender Stimme berührt.
Neidisch werden könnte man, wen Marius mit seiner Cosette durch ein Minifeuerwerk zu Ihrer Hochzeit hereinschreiten. Das Gefühl hat man übrigens auch schon bei "Mein Herz ruft nach dir". Cosette, von Verena Küllmer gespielt, singt mit glockenklarer Stimme. Man nimmt den beiden ab, dass es sich hier um Liebe auf den ersten Blick handelt.
Besonders hervorzuheben ist auch noch Gavroche, dargestellt von Dexter Mason. Er sang und schauspielerte, wie es ein Großer nicht besser hätte machen können und lässt das Publikum nach seinem letzten Auftritt schockiert und traurig zurück.
Lilian Huynen, die als Eponine auf der Bühne stand, legte mit ihrer tiefen Stimme eine sehr gute gesangliche Leistung hin. Leider passte sie nicht zu dem jungen verliebten Mädchen, dass alles für Marius tun würde und letztendlich ja auch stirbt, weil sie bei ihm sein wollte. Für den Charakter der Eponine wirkte sie sowohl darstellerisch als auch stimmlich zu reif.
Das Ensemble harmonierte sehr. Schade war nur, dass das Orchester bei den zahlreichen Ensemblenummern zu laut war und man deshalb den Text nicht mehr verstehen konnte. Hierfür konnten jedoch weder Ensemble noch Orchester etwas, außerdem tat dies der hohen Qualität des Abends keinen Abbruch.
Das Bühnenbild ist sehr sparsam eingesetzt, trifft es aber immer auf den Punkt. Besonders mit Lichteffekten wurden durch das ganze Stück hindurch passende Stimmungen geschaffen. Interessant war vor allem die neue Sichtweise der Barrikade. Das Publikum hatte einen Blick auf beide Seiten. Dieses Potenzial hätte man evtl. noch besser nutzen können, da sich das ganze Geschehen auf das linke Drittel der Bühne beschränkte. Die rechte Seite war dagegen meistens leer oder sehr spärlich besiedelt. Aber trotzdem war dies eine wirklich einfallsreiche Perspektive die mich überrascht und mir sehr gut gefallen hat.
Störend war nur, dass oft schon sehr früh mit dem Aufbau für die nächsten Szenen begonnen wurde. So verlor "Ich hab geträumt" sämtliche Wirkung, da im letzten Drittel der ganz und gar nicht geräuschlose Aufbau für "Leichte Mädels" stattfand. Wahrscheinlich wollte hier eine zu lange Pause vermieden werden, aber eben diese hätte den Zuschauern die Gelegenheit gegeben, dieses wunderschöne Lied auf sich wirken zu lassen.
Die Kostüme waren allesamt sehr historisch gehalten, was das Publikum direkt in die Zeit um 1823 versetzte.
Eine Besonderheit dieser Inszenierung war auch noch, dass ein Steg direkt am Publikum vorbeiführte und somit ein enger Kontakt zu Diesem hergestellt wurde, was dem Ganzen einen sehr intimen Rahmen verlieh.
Abschließend ist zu sagen, dass die Inszenierung von Hartmut H. Forche neue interessante Sichtweisen bietet. Wer also die Möglichkeit hat, Les Miserables in Pforzheim anzusehen, sollte sie ergreifen. Alle, die von den sonst so horrenden Preisen großer Produktionen abgeschreckt werden, bietet Pforzheim die Möglichkeit, eine qualitativ hochwertige und sehr berührende Inszenierung unter fairen Preisen zu erleben.
Jean Valjean: Ansgar Schäfer
Javert: Jon Geoffrey Goldsworthy
Thenardier: Klaus Geber
Marius: Nikolaj Alexander Brucker
Enjolras: Dirk Mestmacher
Fantine: Sara Fonseca
Madame Thenardier: Heike Schmitz
Eponine: Lilian Huynen
Cosette: Verena Küllmer
Gavroche: Dexter Mason
Die kleine Cosette : Alina Wein
Die kleine Eponine: Tabea Rabetllat
Die Studenten:
Combeferre: Brian Garner
Feuilly: Frank Traub
Courfeyrac: Jong-Kwueol Lee
Joly: Rigobert Störkle
Grantaire: Lothar Helm
Prouvaire: Ingo Wagner
Lesgles: Holger Wecht
Thenardiers Bande:
Montparnasse: Iwan Zlabek
Babet: Spencer Mason
Brujon: Archibald Lenschow
Claquesous: Holger Wecht
In weiteren Rollen:
Knecht: Holger Wecht
Wirtin: Alena Klein
Wirt: Archibald Lenschow
Bischof von Digne: Spencer Mason
Vorarbeiter: Rigobert Störkle
Fabrikmädchen: Marie-Kristin Schäfer
Hair-Lady: Marina Mejinska
Bagatelle-Lady: Angela Wollschläger
Bamatabois: Lothar Helm
Fauchelevant: Ingo Wagner
Armeeoffizier:Ingo Wagner
Major Domus: Holger Wecht
Von Daniela Smoczynski für Musicalfotojournalismus